Als ich vor anderthalb Jahren in Leipzig gestrandet bin, hab ich schnell bemerkt, dass die Leute hier ein bisschen anders ticken. Man steht auf der Straße, kramt kompliziert den Stadtplan heraus, und bevor man überhaupt in der Nähe des aufzuklappenden Quadranten ist: „Ja, hallööö, wö willste denn hin?“
Jaa, genau. Man guckt nach rechts, direkt auf Ronnys Schnäuzer unter der Vokuhila, am Arm eingehackt Mendy mit Möwenschiss-Frise und denkt: „Watt?! Was ist denn mit dir?“
Als Vollblut-Wessi aus einer Kleinstadt gehöre ich eher zu der Spezies Bürger, die hektisch das Handy rauskramen und so tun, als hätten sie eine wichtige Sms von der CTU bekommen, wenn irgendein Trash-Talk-Terrorist am Fußgängerzonenhorizont erscheint. So was läuft hier nicht. Hier ist man umsichtig und geht auf Leute zu, wenn man denkt, sie könnten Hilfe brauchen. Puh!
Vor ein paar Wochen war ich davon so sehr mitgenommen, dass ich ernsthaft darüber nachgedacht habe, Leipzig wieder zu verlassen und reumütig nach Hamburg zurück zu kriechen. Wenn man in dieser Stadt schlecht gelaunt am Tresen steht und eigentlich nur auf das Ende der Flasche Whiskey und den darauf folgenden Endzeitbeischlaf mit einem ähnlich verzweifelten Weibchen wartet, hat man mindestens ein Problem. „Ja, hallöö, was ist denn mit dir?“ „Danke – Roberto – nichts. Ich geh ja schon.“
Fuck!
Aber – die gute Nachricht ist: man gewöhnt sich dran. Gestern bin ich mit der Bahn in einen Ort gefahren, der hier in der Nähe ist. Als ich aussteigen will, steht der Schaffner hinter mir und sagt: „Tschüssiiiii.“
Bis vor gar nicht langer Zeit, bin ich im Geiste stets zusammen gefahren, ob dieser Verabschiedungsunart. Das ist nun nicht mehr so. Ich werde zwar niemals das Wort Tschüssi in den Mund nehmen, und mein wunderschönes, aus-der-Nähe-von-Hannover-hochdeutsches O wird auch nicht zum Umlaut werden, aber ich kann dieser Freundlichkeit mittlerweile adäquat begegnen. Die Lösung ist: freundlich sein. Auf die Idee kommt man ja normalerweise nicht. Ist aber ganz einfach. Und eigentlich muss ich gestehen: wenn man sich dran gewöhnt hat, ist nett sein eigentlich echt ganz nett.
14. April 2008 09:17
na endlich.