Ein multimediales Fest der Sinne: Amoklauf an deutscher Schule. Schon als die Eilmeldung über Spiegel Online tickerte, war eigentlich klar, nach welchem Schema die Geschichte nun weiterläuft: Wer hat die ersten Bilder, wer kriegt die traurigsten Augenzeugen, wann taucht die Ankündigung der Tat im Internet auf, was hat der Junge sonst noch auf dem Kerbholz? Und natürlich: Wen machen wir verantwortlich, wenn der Verantwortliche nicht greifbar ist?

Und wieder kotzt sie einen aus allen Richtungen an: eine schier unglaubliche Scheinheiligkeit auf der Suche nach Schuldigen. Der Feind heißt natürlich auch wieder “Killerspiel”, Horrorfilme finden Erwähnung, Medikamente auch. Die Vorankündigung via Chat ist leider eine Ente, kein martialisches YouTube-Video zu finden. Nur die Info, dass der Vater des Täters Sportschütze ist, rund 15 Knarren besitzt und eine davon unbeaufsichtigt zur Tatwaffe werden ließ. Irgendwo ist noch ein Politiker zu hören, der behauptet, schärfere Waffengesetze könnten keine Verstöße verhindern. Übrigens der gleiche Politiker, der mit Trojanern Terroranschläge verhindern will.

Und während BILD schockiert (“Beängstigend, diese Parallelen”) die Ähnlichkeiten zu den Amokläufen in Littleton und Erfurt feststellt (“VOR ALLEM ABER: Wie Tim K. war auch Steinhäuser (Anm: Amokläufer von Erfurt) vernarrt in Horror-Videos und brutale Killerspiele!”), geht hoffentlich auch dem letzten Deppen ein Licht auf, woher die Blaupausen für lebensmüde Kamikaze-Schüler kommen. “Alle News! Alle Infos! Alle Videos!” und “Der Ablauf als Flash-Grafik (Jetzt mit Video)” sind auf BILD.de zu sehen, schmucke Fadenkreuze entschädigen für die fehlende YouTube-Beichte des Täters. Stern.de veröffentlicht noch am Abend des Amoklaufs eine Chronologie, Spiegel Online kriegt noch die gnädigste Kurve und beschreibt, wie Twitter in diesem Fall mal keine vernünftige Quelle war.

Was ist also der Auslöser, nach dem Familienministerin Ursula von der Leyen auf BILD.de fragt? Zwei Stunden Counterstrike zu viel? Oder vielleicht doch die Gewissheit, dass der Ruhige, Gedemütigte für einen möglichst blutigen Rachefeldzug posthum auf jeden Fall mit dem belohnt wird, was er zu Lebzeiten wohl vermisst hat: maximale Aufmerksamkeit. Jetzt mit Video.

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Amoklauf multimedial: Das Ausschlachten nach dem Abschlachten

14.03.2009 | schmierfink: ah | Kategorie: netzhetze

Dein Senf?