Zu den dämlichsten Formulierungen der Medienwelt dürfte die Kombination “Produktname” mit “Killer” gehören. Kultur- und Sprachbarrieren überwindend muss alles halbwegs Neue Herkömmliches um die Ecke bringen: Facebook und die Antwort-Software WolframAlpha werden zum “Google-Killer”, jeder Handyklotz mit Touchscreen zum “iPhone-Killer”. Ob Heise oder Spiegel Online: Jeder Sepp macht das reißerische Spielchen um Klicks und Leser mit, das bezeichnenderweise eher selten faktisch korrekt ist. Die vermeintlichen Killer sind oft eine müde Reaktion auf ein innovatives Produkt und wurden nicht selten mit ganz anderer Intention hergestellt.

Und so wird manchem Produzenten gern in den Mund gelegt, was dieser nie behauptet hat. “Software-Genie verspricht den Google-Killer” schreibt Spiegel-Online über Stephen Wolfram, dessen Antwort-Maschine WolframAlpha gerade in erster Version online ging. Damit könnte man dem renommierten Magazin mangelnde Recherche vorwerfen. Oder sogar eine Lüge. Einen “Google-Killer” wünschen sich offensichtlich viele Online-Medien, Physiker Wolfram hat ihn allerdings nie versprochen. Sondern im Gegenteil immer betont, dass seine Software eben kein Konkurrenzprodukt zum Such-Markführer wird. Durchsucht Google das Internet nach relevanten Quellen zu einer Suchanfrage, will Wolframs Angebot auf Fakten zurückgreifen und Antworten errechnen. Wolframs Kumpel Nova Spivack erzählt die Unterschiede ausgerechnet dem Spiegel: “WolframAlpha wird die Welt mit logischem Denken, Argumenten und Schlussfolgerungen versorgen. Keiner kann vorhersagen, inwieweit das Programm das Internet verändern wird.” Heise erkennt noch rechtzeitig, dass Google wohl etwas anderes ist.

Na also: Man weiß nichts und verspricht auch nichts. Die Medienwelt spricht stattdessen weiter vom Killer, der alles andere in den Schatten stellt. So schafft man sich die Geschichten von morgen. Denn sobald das heiß erwartete Mörderprodukt erste Einblicke gewährt, ist es Zeit für einen Verriss. “Sie weiß viel über Aspirin, versagt bei Kultur – und hält die CDU für einen Regionalflughafen”, feixt eben wieder Spiegel Online und resümiert endlich: “Wolfram Alpha ist kein Google-Killer, und es ist auch keine Suchmaschine.” Aber der Versuchung widerstehen, die Software in der Überschrift wieder zum “Google-Gegner” zu machen, dafür reicht es leider nicht.

Bezeichnenderweise sind es nun auch die “herkömmlichen” Suchmaschinen wie Google und Yahoo, die der eigentlich eher für Naturwissenschaftler interessanten WolframAlpha die nie gewollten Vorschusslorbeeren abnehmen. Die Mehrzahl der Magazine und Blogs dichtete der Software den Killer an. Für die Google-Algorithmen ein Zeichen der Wahrheit. Für Journalisten wieder ein Signal mehr, dass Recherche nicht bei Suchmaschine oder Wikipedia enden sollte. Die Wahrheit ist eben immer irgendwo da draußen. Fragt sich nur, wo.

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Google-Killer und andere Mörder: Gestorben wird selten, getötet nie

10.05.2009 | schmierfink: ah | Kategorie: computerkram, netzhetze

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