Blogger hassen Journalisten, Journalisten hassen Blogger. Ganz einfach: schwarz und weiß, in welcher Reihenfolge auch immer. Aber so einfach ist es eben nicht, da es mal wieder nicht stimmt. Ebenso wenig wie die Behauptung, Blogger könnten Journalisten ersetzen. Warum müssen sich die Grüppchen überhaupt anfeinden anstatt sich locker zu ergänzen, was sie ja durchaus könnten?

Neid und mangelnder Tellerrand-Klimmzug wären einfache Begründungen. Journalisten leben von dem, was sie schreiben. Blogger (meistens) nicht. Blogger genießen eine hohe Glaubwürdigkeit. Journalisten nicht (immer). Nun scheren wir alles hübsch über einen Kamm und landen genau dort: die Blogger und die Journalisten. Das setzt schon mal voraus, dass Blogger sich als Blogger verstehen. Man sieht sich als Teil einer Community, nein: DER Community. Und dann regt man sich gemeinsam auf über die langsamen Printmedien, die grauen Redakteure mit ihren veralteten Ansichten von Nachricht, Reportage, Meldung und Meinung. Die also, die angesichts der Amateur-Konkurrenz um ihren Berufsstand zittern.

Zurecht tun sie das, wenn es um Themen wie Verbraucherschutz, Rezensionen oder Meinungen geht – da punktet der Privat-Schreiber. Klar: Er ist eher selten von Anzeigenkunden abhängig, hat keine Schmerzen, seine Meinung klipp und klar zu vertreten und verantwortet seinen Artikel nur vor sich selbst. Das können nicht alle Journalisten von sich behaupten. Leider.

Blogger können eben impulsiv sein, sie dürfen sich an jeder Stelle aufregen, nicht nur in Kommentar oder Glosse. Und genau da sitzt der Schwachpunkt, wenn es um Nachrichten und Fakten geht. Eher selten liest man in Blogs (dieser nicht ausgeschlossen), dass die Gegenseite befragt wurde. Eine Grundregel des seriösen Journalismus: Wenn Dieter sagt, Hans hätte seinen Apfel geklaut, frag Hans, was er dazu sagt. Wenn du das getan hast, darfst du schreiben. Und wenn es nur “Hans stand für ein Gespräch nicht zur Verfügung” ist. Er hatte seine Chance. Ach ja: Indirekte Rede nicht vergessen, auch dann, wenn du der einen Seite eher zugetan bist als der anderen. Du zählst nicht. Du berichtest nur. Da fängt das Handwerk erst an.

Diese Fairness geht im schnellen Netz ebenso schnell unter. Es ist einfach, seine Meinung zu schreiben, wenn man gerade eine parat hat. Umso schwieriger ist es, die vermeintlich Bösen zu Wort kommen zu lassen und sich mit ihnen ebenso auseinanderzusetzen wie mit den vermeintlich Guten. Nicht wenige “gute Geschichten” erweisen sich nach der Recherche als sterbenslangweilig, wenn der Konflikt plötzlich gar keiner mehr ist. Warum also nachfragen?

Da schreibt ein Blogbetreiber im Kommentarfeld eines weiteren Blogs, er wolle sich nicht an “irgendwelche journalistischen Grundsätze” halten. Darum würde er ja bloggen. Also: Entweder journalistisch arbeiten oder bloggen. Wie sollen nach diesem Schema Blogger Journalisten ersetzen? Durch Schnelligkeit? Weil sie authentisch sind? Gehört nicht ein wenig mehr dazu? Vielleicht das: Im selben Kommentar schimpft der gute Mann über “Foto-Urheberrechtsquatsch”. Gutes Stichwort.

Abmahnungen sind ein großes Thema in der Blog-Community (und außerhalb. Nicht alle wollen sich noch dazuzählen). Schmerzhaft musste mancher lernen, dass er ein Impressum braucht. Und aktuell auch, dass die großen Bild- und Textagenturen keinen Spaß verstehen, wenn man ihre Bilder und Texte klaut. Es gibt genügend Amateur-Publizisten da draußen, denen nicht bewusst ist, dass es nicht reicht, ein kleines (dpa) als Quelle anzugeben. Da lässt sich also die eine oder andere Mark reinholen, die den Agenturen in Krisenzeiten fehlt. Gut, sagt man sich: Geld mit Nachrichten verdienen? Veraltetes System! Mag wohl sein. Aber wer berichtet von der Front, wenn die Agenturen keine Mitarbeiter mehr bezahlen können? Blogger? Und wenn ja: Wer hat’s geschrieben? Der US-Soldat? Der Bundeswehrsoldat? Der Afghane, dessen Familie gerade bei einem Selbstmordattentat ums Leben kam? Oder der, dessen Familie bei einem US-Raketenangriff starb? Die Berichte würden wohl erstaunlich unterschiedlich ausfallen. Zurück zum Recht.

An mangelnder Kenntnis der doch recht umfangreichen Presse- und Urhebergesetze kann man schnell scheitern. So wunderte sich ein Nachwuchs-PR-Blogger über einen Fall zur Trennung von Redaktion und Werbung der in einem anderen Blog nach hinten losging. Wie die sich das denn vorstellen würden. Da müsste ja jeder bezahlte Inhalt gekennzeichnet werden. Unrealistisch, findet er. Tja. Genau da schließt sich der Kreis.

Denn wenn die Recherche bei Google aufhört, fällt man schnell auf PR-Meldungen rein, stößt nicht nur auf Fakten, sondern auch auf viel Dazugedichtetes, Erfundenes: Meinung eben. Oder klickt auf bezahlten Inhalt, den man für unabhängig hält. Da geht sie hin, die Glaubwürdigkeit, wenn eben nicht ANZEIGE drüber steht. “Aber ich blog doch nur”, würde oben erwähnter Nicht-Journalist jetzt sagen. Das ist wohl so. Das heißt: Du veröffentlichst deine redaktionellen Beiträge mit Hilfe einer Blog-Software und zählst dich zu einer Community, die das auch tut. Interessiert das deine Leser? Nein. Ähnlich wie Beiträge im Wikipedia genießt Bürger- oder Graswurzel-Journalismus eben eine hohe Glaubwürdigkeit, beruht aber eher selten auf Fakten oder greift auf verlässliche Quellen zurück. Das mag in einigen Fällen funktionieren – ist in neun von zehn aber eben nur Meinung des Schreibers. In diesem Falle: meine. Also nicht als Fakt zitieren, bitte.

Dass es Gesetze gibt, die Regeln zum Umgang mit Berichterstattung und Veröffentlichung definieren, dass es einen Pressecodex gibt und einen Presserat, der zumindest Rügen verteilt, ist gut und wichtig. Dass einige Blogger – und zunehmend auch Journalisten in “billigen” Formaten – sich diesen Regeln oft nicht verpflichtet fühlen, ist ein Widerspruch in sich. Denn die Regeln wurden für Leser gemacht, die ohne kaum noch zwischen objektiver und subjektiver Berichterstattung, zwischen Werbung und Redaktion unterscheiden können. Und ich meine mich zu erinnern, dass man in erster Linie für den Leser schreibt. Und fürs Ego natürlich. Aber nur ein ganz kleines bisschen.

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Blogger sind doof, Journalisten sowieso und indirekte Rede ist für Pussys

19.05.2009 | schmierfink: ah | Kategorie: netzhetze

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